Archiv für den Autor: Vika

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Man sollte Kindern lehren, ohne Netz auf einem Seil zu tanzen,
bei Nacht allein unter freiem Himmel zu schlafen,
in einem Kahn auf das offene Meer hinaus zu rudern.
Man sollte sie lehren, Luftschlösser statt Eigenheime zu erträumen,
nirgendwo sonst, als im Leben zu Hause zu sein
und in sich Selbst Geborgenheit zu finden.
(Hans-Herbert Dreiske)

Finanzierung einer freien Schule

Mit die größte Schwierigkeit bei der Gründung einer freien Schule ist die Finanzierung (Finanzierung von Schulen in freier Trägerschaft). Da die staatlichen Zuschüsse sich (je nach Bundesland) durchschnittlich nur auf 60 % belaufen, ist ein Finanzierungs-Flickenteppich notwendig. Im folgenden finden Sie eine Auswahl an Finanzierungsmöglichkeiten, mit der Bitte um Ergänzung:

Spenden

Bildungsspender
Durch den Einkauf in verschiedenen Online-Shops (z.B. amazon, ebay, zalando) wird eine Spende ausgelöst.
– Gemeinnützig, keine Mehrkosten beim Einkauf –

Leih- und Schenkgemeinschaft – GSL-Bank
Die Bank finanziert Projekte, wie freie Schulen. Die Leih- und Schenkgemeinschaft – als ein Angebot – ermöglicht gemeinnützigen Einrichtungen ein Projekt zu finanzieren. Dabei verpflichen sich bis zu 30 Menschen einen Kredit innerhalb von 5 Jahren zurück zu zahlen (max. 50€/Person).

Art. 29 Kinderrechtskonvention – Theorie und Praxis

Die weltweit geltenden Grundsätze der UN-Kinderrechtskonvention (ausgenommen Somalia und den USA), sollen positive Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen schaffen. Im Artikel 29 [Bildungsziele; Bildungseinrichtungen] der KRK heißt es:

(1) Die Vertragsstaaten simmen darin überein, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss,
a) die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen;

Soviel zur Theorie. Die Praxis in Deutschland sieht jedoch etwas anders aus. Weder die Persönlichkeit, noch die Begabung(en) von Kindern werden im heutigen Schulsystem voll zur Entfaltung gebracht. In anbetracht von Lehrplänen die für alle gleichermaßen gelten, ist es doch unmöglich individuelle Begabungen zu fördern und somit zu einer selbstbewussten Persönlichkeit zu verhelfen. Auch geistige und körperliche Fähigkeiten werden nur vereinzelt entfaltet. Bei durchschnittlich 2 Schulstunden Sport in der Woche und dem sonstigen Zwang, ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, würde ich eher vom Gegenteil sprechen: körperliche Fähigkeiten werden unterdrückt. Da Körper, Geist und Seele jedoch zusammenarbeiten, werden aus der Unterdrückung des Bewegungsbedürnisses auch die geistigen Fähigkeiten eingeschränkt.

Lasst uns also positive Rahmenbedingungen schaffen – wie es die KRK verlangt – und Begabungen von Schülern fördern, indem wir sie auf Bäume klettern lassen!

“Mit unserer Schule stimmt was nicht!”

Das Recht auf Bildung

Das Recht auf Bildung

In Nürnberg wurde und wird, in Hinblick auf die UN-Kinderrechtskonvention und die darin festgeschriebenen Rechte der Kinder, eine bespielbare “Straße der Kinderrechte” von, mit und für Kinder errichtet. Auf einem sonntäglichen Spaziergang stieß ich bei der Station “Recht auf Bildung” – die durch eine Bücherbrücke zur Welt und einer Sitzbank in Form von Büchern symbolisiert ist – auf folgende Inschriften:

Kann Schule nicht auch Spaß machen?

Kann Schule nicht auch Spaß machen?

... blablabla ...

… blablabla …

“Hausordnung abschreiben *kotz*”
“Booooooring”
“KOPFEXPLOSION *bong* *bähm*”
“Wofür braucht man das?”
“Mit unserer Schule stimmt was nicht!”

Nach Auskunft durch die ortsansässige Kinderkommission, die u.a. für die Entstehung der “Straße der Kinderrechte” verantwortlich ist, durften Kinder frei entscheiden, was sie auf die Büchersitzbank schreiben wollten. Es ist erstaunlich, dass die Bank fast ausschließlich mit negativen Sätzen und Wörtern in Bezug auf Schule beschriftet worden ist.

Bei der Entstehung dieses Kunstwerkes, kam die Frage auf, ob man diese Beschriftungen so lassen kann. Da aber auch Kinder das Recht auf freie Meinungsäußerung haben und ihre Rechte selbst verbildlichen sollen, wurde es dabei belassen.

Hört auf eure Kinder, denn selbst und gerade sie wissen, dass mit der Schule von heute etwas nicht stimmt!

Programm für Lehrer (Maria Montessori)

Hilf mir, es selbst zu tun
Zeig mir, wie es geht
Tu es nicht für mich
Ich kann und will es alleine tun
Hab Geduld, meine Wege zu begreifen
Vielleicht brauche ich mehr Zeit,
weil ich mehrere Versuche machen will
Mute mir auch Fehler zu,
denn aus ihnen kann ich lernen.

Theorie nach George Herbert Mead – Sozialisation und Individuation sind zwei Seiten ein- und desselben Prozesses

Mead stellt Sozialisation und Individuation als einen sich bedingenden Prozess aus dem „I“, dem „me“ und dem „self“ dar.

 Das „I“ stellt dabei die persönliche, affektive Komponente der Persönlichkeit dar. Es ist meist spontan und in der Lage einen selbst zu überraschen. Das „me“ hingegen verkörpert die Vorstellung von dem Bild, das andere von mir haben, bzw. Rollen, die ich von anderen übernommen habe. Es ist also die von der Gesellschaft gespiegelte Seite der Persönlichkeit („looking glass self“). Das „I“ und das „me“ stehen in einem Dialog zueinander und beeinflussen sich wechselseitig. Durch dieses Wechselspiel entsteht die persönliche Identität, also das „self“.

Im Sozialisationsprozess, so Mead, gewinnt ein Kind seine Identität zuerst durch Rollenspiele („play“). Es spielt bspw. Mutter-Kind und fühlt sich einerseits in die Rolle der Mutter ein, andererseits bekommt es ein Gefühl für sich selbst, da es sich der Reaktion der Anderen – in dem Fall der Mutter – auf sein Verhalten vergewissert. Die Verallgemeinerung von Rollen („generalisierter Anderer“) lernt ein Kind später im „game“. Dies kann am anschaulichsten am Mannschaftssport gezeigt werden, bei dem das Kind, bzw. der Jugendliche sich in jeden einzelnen Spieler hineinversetzen und sein Handeln danach ausrichten muss. Aber auch durch den Kontakt zu verschiedenen Müttern, Lehrern oder einfacher gesagt, gesellschaftlichen Gruppen, lernt das Individuum seine und andere Haltungen kennen und organisieren. Diese Rollenübernahme lässt sich global ausweiten (i.S.v. Menschenrechten, Gesetze, etc.).

 Der Individuationsprozess eines Menschen – also der Weg auf dem der einzelne seine Identität ausbildet – steht also in einem engen Zusammenhang und in Wechselwirkung mit der Gesellschaft und der Kultur, in der dieser Mensch lebt. Individuation ist kein abgegrenzter und subjektiver Prozess sondern steht, verändert und bildet sich in der Interaktion mit Gesellschaftsmitgliedern.

 Individualität verkörpert sowohl das „I“, als auch den „generalisierten Anderen“, den der Mensch im Sozialisationsprozess zu einem Teil seiner selbst werden lässt und schließlich zu seiner Identität („self“) findet.

Quelle:
Vester, Heinz-Günter: Kompendium der Soziologie I: Grundbegriffe, 1. Auflage, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009

Individualisierung als Folge der Arbeitsteilung

Die moderne Gesellschaft ist geprägt von einer fortgeschrittenen Arbeitsteilung. Wärend in Jäger- und Sammlergesellschaften und später in den Acker- und Viehzuchtgesellschaften nur wenig von einander getrennte Funktionen bearbeitet werden (mussten), werden die Arbeitsschritte, aber auch Professionen der modernen Gesellschaft immer differenzierter. Das schlägt sich seit einigen Jahren auch in der Masse an neu geschaffenen Studiengängen und damit in der hohen Spezialisierung in einem Fachgebiet nieder.

So arbeitete ende des 19. Jahrhunderts meinst nur ein Lehrer an der Schule. Heute findet man hier neben Lehrern häufig auch, SekretärInnen, Sozialpädagogen, Krankenschwestern, SchulpsychologInnen, Reinigungskräfte und Köche. In anderen Organisationen sind noch weit mehr unterschiedliche Berufe in einem Bereich beschäftigt (z.B. Krankenhäuser). Als moderner Mensch bin ich also nicht mehr nur damit beschäftigt Nahrung zu beschaffen und mich zu reproduzieren (mit allem was dies nach sich zieht), sondern habe verschiedene Rollen, wie Lehrerin, Mitglied in einem Sportverein, Freundin, Mutter, Hausfrau, politisch engagierte in der Partei XY und so weiter. Nicht nur zur Beurteilung des Persönlichkeitsprofils eines Schülers sind Kenntnisse aus den verschiedenen Berufen – Lehrperson, Sozialpädagoge und Schulpsychologe – erforderlich, auch im Privatleben habe ich die möglichkeit mir meine Existenz nach Lust und Laune zusammen zu basteln.

Als Individuum bin ich also Schnittpunkt dieser verschiedenen Institutionen und Organisationen und Träger verschiedener Positionen und Rollen. Welchen Beruf ich ausübe, welche Beziehungen ich eingehe und welchen Gruppen ich angehöre, liegt – mehr oder weniger – in meiner Entscheidungsfreiheit. Diese unverwechselbaren Schnittpunkte, sind es, die uns aus soziologischer Sicht unsere Individualität geben.

Somit ist es wahrscheinlich garnicht notwendig unsere Kinder zu Individuen zu erziehen, denn das macht schon die moderne Gesellschaft automatisch. Viel eher ist es Aufgabe einer guten Schule, den Dschungel an Möglichkeiten zur Gestaltung und Erkennung der eigenen Individualität, tranzparenter zu machen und dadurch die Orientierungslosigkeit bei Seite zu räumen.

Individualisierung

Individualisierung – auf die Stärken eines Kindes eingehen und diese entfalten, sagt die Pädagogik, lebensweltorientiert arbeiten und individuelle Hilfe anbieten, sagt die Soziale Arbeit, die Seele ist einzigartig und unsterblich, sagt der christliche Glaube. Ich habe das Gefühl, dass das Individuum immer mehr angepriesen wird und nicht nur Reformpädagogen – wie Maria Montessorie, Rudolf Steiner, u.v.m. – auf Individualität setzten, sondern dieser Begriff praktisch in aller Munde ist. Aber was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn wir die Einmaligkeit unserer Kinder sowohl zu Hause als auch in der Schule Fördern. Werden aus ihnen dann Selbstbewuste Menschen die ihre Stärken besser einschätzen und einsetzen können, oder werden aus ihnen Egoisten die nicht damit umgehen können, wenn ihre Freiheit – aus welchen Gründen auch immer – eingeschränkt wird?

Mit der Industrialisierung kam für viele Menschen die Freiheit. Wir konnten uns von der Natur ablösen, errichteten immer mehr Ballungszentren der Produktivität (Städte), wurden dadurch Flexibel und Heimatlos. Bald  kehrten wir auch Religion, Tradition und Unmündigkeit den Rücken zu. Nicht zu unrecht feiern wir diese neugewonnenen Freiheiten. Was ist aber mit der Kehrseite der Medallie? Die gibt es ja bekanntlich immer. Die Kehrseite der Industrialisierung und Aufklärung ist uns bereits bekannt: Umweltzerstörung und Orientierungslosigkeit. Zwei Tatsachen, denen wir in einem besseren Bildungssystem und einer neuen Schule wieder entgegenwirken müssen. Wir müssen uns der Natur wieder annähren, Kindern vor Augen führen, wie wichtig Mülltrennung und – vermeidung in einer Wegwerfgesellschaft ist, ihnen klar machen woher Bananen kommen und wieviel Regenwald dafür zerstört wurde/wird und wieso dieser überhaupt so wichtig ist. Wir müssen ihnen Orientierung bieten in einer sich rasend verändernden Welt, teils ohne verlässlicher sozialer Einbettung, dafür mit einer Fülle an Angeboten – sei es im Konsum- oder Versicherungsbereich (ausfürliche Konzepte, die weitere Aspekte aufgreifen folgen). Aber was wird aus der Horde Individuen, die wir in Zukunft produzieren wollen? Diese Frage steht noch offen.

Marin Buber (1878-1965) kritisierte den modernen Menschen, der Heimatlos und voller Ängsten ist. Dieser orientierungslose Mensch versucht mit Hilfe von Wissenschaft, Technik und Institutionen seine Ängste zu bewältigen. Individualismus ist für ihn Ausdruck von Verzweiflung, die sich aus der Vereinsamung ergibt. Diese Entfremdung von der “Mitwelt” wird – in dem Namen Individualität verkleidet – gefeiert.

Es gibt viele unterschiedliche Meinungen darüber wo die Individualität entspringt und wo sie hinführt. Wie oben schon angedeutet, beschäftigen sich viele Wissenschaften mit diesem Phänomen, darunter auch die Soziologie.  Verschiedene Soziologen sehen Individualität als Verinselung in der Gesellschaft, als Folge von der Industialisierung, aber auch als Bereicherung um kullturelle und moralische Begrenzungen in Frage zu stellen. Eine eindeutige Antwort darauf, was aus unserer Gesellschaft wird, wenn wir voll und ganz auf Individualität setzen, wird es erst geben, wenn es soweit ist. Wir können aber schauen was aus den Individuuen geworden ist, die eine Montessori-Schule besucht haben. Oder aber wie Baldur von Schirach, der in einem Landerziehungsheim Unterrichtet wurde, zum Reichsjugendführer im Nationalsozialismus werden konnte.

Wieviel Individualität ist also förderlich für Entwicklung eines gesunden Selbstbewustseins und wann ist es nötig Grenzen zu ziehen?

Ein Kind ist aus hundert gemacht

Ein Kind ist aus hundert gemacht.
Ein Kind hat
hundert Sprachen
hundert Hände
hundert Gedanken
hundert Weisen zu denken
zu Spielen und zu sprechen.
Immer hundert Weisen
zuzuhören
zu staunen und zu lieben
hundert Weisen zu singen und zu verstehen
hundert Welten
zu entdecken
hundert Welten
zu träumen.
Ein Kind hat hundert Sprachen
doch es werden ihm neunundneunzig geraubt.
Die Schule und die Umwelt trennen ihm den Kopf vom Körper.
Sie bringen ihm bei
ohne Hände zu denken
ohne Kopf zu handeln
ohne Vergnügen zu verstehen
ohne sprechen zuzuhören
nur Ostern und Weihnachten zu lieben und zu staunen.
Sie sagen ihm, dass die Welt bereits entdeckt ist
und von hundert Sprachen rauben sie dem Kind neunundneunzig.
Sie sagen ihm
dass das Spielen und die Arbeit
die Wirklichkeit und die Phantasie
die Wissenschaft und die Vorstellungskraft
der Himmel und die Erde
die Vernunft und der Traum
Dinge sind, die nicht zusammengehören.
Sie sagen also, dass es die hundert Sprachen nicht gibt.
Das Kind sagt: “Aber es gibt sie doch.”

Loris Malaguzzi
(übersetzt von Annette Dreier)

Eltern und Schüler

Heutzutage streben vier von fünf Eltern das Abitur für ihr Kind an. Abgehsehen von G8 und sonstigen gesellschaftlichen Erwartungen, erhöht sich der Druck auf die Kinder auch auf familiärer Ebene. Leistungsanforderungen und -nachweise, Gewinner und Verlierer i.S.v. sozialer Selektion, solche und ähnliche Begriffe fallen – schon bei unter 10-jährigen Kindern – im Zusammenhang mit Schule.

Die Schulstunden weiten sich, vor allem auf Gymnasien, bis zum Nachmittag aus. Zu Hause müssen dann noch Hausaufgaben erledigt werden und für die bevorstehende Prüfung gelernt werden. Dabei sitzen den Kinder oft die Eltern (bzw. Sorgeberechtigte) bis in die späten Abendstunden im Nacken. Freizeit und altersspezifische Interessen rücken in den Hintergrund, Druck und Leistungsanforderung im innerfamiliären Bereich steigen hingegen. Streitigkeiten und Verzweiflung rücken anstelle von Harmonie und Zeit füreinander.

Seit einigen Jahren ist Schule nicht mehr nur ein Ort für Lehrer und Kinder/Jugendliche, sondern wird immer mehr von Eltern mitgemischt. Im Grunde spricht auch nichts dagegen, wenn Eltern sich in der Schule engagieren, jedoch schießt es weit über das Ziel hinaus, wenn Eltern mit Lehrern und Schulleitern über die Notengebungen verhandeln und in einigen Fällen sogar rechtliche Schritten einleiten. So schlüpfen Eltern immer mehr in die Rolle eines Pädagogen und verlassen die ihnen zugeschriebene Rolle als Mama und Papa, als der “sichere Hafen”.

Ebenso wenig wie die heimischen vier Wände, sollte auch Schule kein Ort der Leistung sein. Schule sollte (wieder) zu einem Lebensort werden, indem Lernen durch Neugierde gesteuert wird, nicht durch Druck und Leistungsorientierung.  Druck und die damit einhergehende Angst ist ein falscher Nährboden für Lernerfolg. Im Gegenteil: Angst blockert unser Gehirn und löst Reflexe wie Fluchtverhalten aus. Positive Emotionen, Neugierde, Interesse, Projektgruppen und Gelegenheiten Lerninhalte mit allen Sinnen zu erfassen hingegen sind es, die nachhaltig im Gehirn verankert bleiben. Wir sollten uns also überlegen, wie eine Schule ohne Leistungsdruck – also ohne Noten und Fächer – aussehen würde und uns ausmalen, wie schwerelos die Freizeit in so mancher Familie dadurch gestaltet werden kann.