Kategorie-Archiv: Lernen

Wie lernt der Mensch und wie funktioniert unser Gehirn.

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Man sollte Kindern lehren, ohne Netz auf einem Seil zu tanzen,
bei Nacht allein unter freiem Himmel zu schlafen,
in einem Kahn auf das offene Meer hinaus zu rudern.
Man sollte sie lehren, Luftschlösser statt Eigenheime zu erträumen,
nirgendwo sonst, als im Leben zu Hause zu sein
und in sich Selbst Geborgenheit zu finden.
(Hans-Herbert Dreiske)

Art. 29 Kinderrechtskonvention – Theorie und Praxis

Die weltweit geltenden Grundsätze der UN-Kinderrechtskonvention (ausgenommen Somalia und den USA), sollen positive Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen schaffen. Im Artikel 29 [Bildungsziele; Bildungseinrichtungen] der KRK heißt es:

(1) Die Vertragsstaaten simmen darin überein, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss,
a) die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen;

Soviel zur Theorie. Die Praxis in Deutschland sieht jedoch etwas anders aus. Weder die Persönlichkeit, noch die Begabung(en) von Kindern werden im heutigen Schulsystem voll zur Entfaltung gebracht. In anbetracht von Lehrplänen die für alle gleichermaßen gelten, ist es doch unmöglich individuelle Begabungen zu fördern und somit zu einer selbstbewussten Persönlichkeit zu verhelfen. Auch geistige und körperliche Fähigkeiten werden nur vereinzelt entfaltet. Bei durchschnittlich 2 Schulstunden Sport in der Woche und dem sonstigen Zwang, ruhig auf einem Stuhl zu sitzen, würde ich eher vom Gegenteil sprechen: körperliche Fähigkeiten werden unterdrückt. Da Körper, Geist und Seele jedoch zusammenarbeiten, werden aus der Unterdrückung des Bewegungsbedürnisses auch die geistigen Fähigkeiten eingeschränkt.

Lasst uns also positive Rahmenbedingungen schaffen – wie es die KRK verlangt – und Begabungen von Schülern fördern, indem wir sie auf Bäume klettern lassen!

“Mit unserer Schule stimmt was nicht!”

Das Recht auf Bildung

Das Recht auf Bildung

In Nürnberg wurde und wird, in Hinblick auf die UN-Kinderrechtskonvention und die darin festgeschriebenen Rechte der Kinder, eine bespielbare “Straße der Kinderrechte” von, mit und für Kinder errichtet. Auf einem sonntäglichen Spaziergang stieß ich bei der Station “Recht auf Bildung” – die durch eine Bücherbrücke zur Welt und einer Sitzbank in Form von Büchern symbolisiert ist – auf folgende Inschriften:

Kann Schule nicht auch Spaß machen?

Kann Schule nicht auch Spaß machen?

... blablabla ...

… blablabla …

“Hausordnung abschreiben *kotz*”
“Booooooring”
“KOPFEXPLOSION *bong* *bähm*”
“Wofür braucht man das?”
“Mit unserer Schule stimmt was nicht!”

Nach Auskunft durch die ortsansässige Kinderkommission, die u.a. für die Entstehung der “Straße der Kinderrechte” verantwortlich ist, durften Kinder frei entscheiden, was sie auf die Büchersitzbank schreiben wollten. Es ist erstaunlich, dass die Bank fast ausschließlich mit negativen Sätzen und Wörtern in Bezug auf Schule beschriftet worden ist.

Bei der Entstehung dieses Kunstwerkes, kam die Frage auf, ob man diese Beschriftungen so lassen kann. Da aber auch Kinder das Recht auf freie Meinungsäußerung haben und ihre Rechte selbst verbildlichen sollen, wurde es dabei belassen.

Hört auf eure Kinder, denn selbst und gerade sie wissen, dass mit der Schule von heute etwas nicht stimmt!

Programm für Lehrer (Maria Montessori)

Hilf mir, es selbst zu tun
Zeig mir, wie es geht
Tu es nicht für mich
Ich kann und will es alleine tun
Hab Geduld, meine Wege zu begreifen
Vielleicht brauche ich mehr Zeit,
weil ich mehrere Versuche machen will
Mute mir auch Fehler zu,
denn aus ihnen kann ich lernen.

Precht, Schule kann mehr, DIE ZEIT Nr. 16: Ein Leserbrief

Richard David Precht hat in der ZEIT vom 11.04.2013 zehn wünschenswerte Prinzipien für eine Bildungsreform formuliert. Es handelt sich um den Auszug aus seinem Buch “Anna, die Schule und der liebe Gott”, das ich nicht gelesen habe. Ich bin mir daher nicht sicher, ob meine Kritik berechtigt ist:

Der Grund dafür, dass bislang keine echte Bildungsreform zu Stande gekommen ist, liegt nicht am Mangel an guten Ideen. Es liegt daran, dass dass sich eine demokratische Mehrheit – in Deutschland sogar eine Mehrheit von Ministern – auf bestimmte Prinzipien verständigen müsste, die dann wieder bei allen Schülern angewendet werden würde. Ein Einigung auf das richtige pädagogische Konzept ist angesichts der Vielzahl der Konzepte praktisch nicht möglich. Obwohl die Probleme bekannt sind, ist es daher seit Jahren zu keiner Refom gekommen ist, die den Namen verdient hätte. Die Umsetzung der von Precht vorgeschlagen Prinzipien würde außerdem am Widerstand der Institutionen scheitern, weil sie für viele Lehrer und Ministerialbeamte eine existentielle Bedrohung für gepflegte und geliebte Gewohnheiten und Priviliegien darstellen würde.

Eine solche Bildungsreform ließe sich nur dann voranbringen, wenn sich die Entscheidung der Mehrheit auf das setzen von elementaren Bildungszielen und die Festlegung der Höhe der Ausgaben der Gesellschaft pro Schüler beschränken würde. Es würde einen Abschied vom staatlichen Berechtigungswesen (dem Zensurensystem) bedeuten und damit Bildungskarrieren flexibilisieren. Schulen in freier Trägerschaft – oder “Lehrerkollegien” wie Precht es nennt – könnten dann im Wettbewerb die “Überlegenheit” ihrer Prinizipien unter Beweis stellen und so die Schulen in staatlicher Trägerschaft langfristig zum Einlenken zwingen. Wenn der “Kopfbeitrag” in Form von Bildungsgutscheinen an die Träger der Bildungseinrichtungen gezahlt würde, ließe sich die soziale Spaltung (über das heutige Maß) verhindern und die Schulen würden über gesicherte Finanzierung verfügen.

So viel Freiheit würde ich allen Beteiligten zutrauen und es würde das Schulsystem wirklich revolutionieren.

Eltern und Schüler

Heutzutage streben vier von fünf Eltern das Abitur für ihr Kind an. Abgehsehen von G8 und sonstigen gesellschaftlichen Erwartungen, erhöht sich der Druck auf die Kinder auch auf familiärer Ebene. Leistungsanforderungen und -nachweise, Gewinner und Verlierer i.S.v. sozialer Selektion, solche und ähnliche Begriffe fallen – schon bei unter 10-jährigen Kindern – im Zusammenhang mit Schule.

Die Schulstunden weiten sich, vor allem auf Gymnasien, bis zum Nachmittag aus. Zu Hause müssen dann noch Hausaufgaben erledigt werden und für die bevorstehende Prüfung gelernt werden. Dabei sitzen den Kinder oft die Eltern (bzw. Sorgeberechtigte) bis in die späten Abendstunden im Nacken. Freizeit und altersspezifische Interessen rücken in den Hintergrund, Druck und Leistungsanforderung im innerfamiliären Bereich steigen hingegen. Streitigkeiten und Verzweiflung rücken anstelle von Harmonie und Zeit füreinander.

Seit einigen Jahren ist Schule nicht mehr nur ein Ort für Lehrer und Kinder/Jugendliche, sondern wird immer mehr von Eltern mitgemischt. Im Grunde spricht auch nichts dagegen, wenn Eltern sich in der Schule engagieren, jedoch schießt es weit über das Ziel hinaus, wenn Eltern mit Lehrern und Schulleitern über die Notengebungen verhandeln und in einigen Fällen sogar rechtliche Schritten einleiten. So schlüpfen Eltern immer mehr in die Rolle eines Pädagogen und verlassen die ihnen zugeschriebene Rolle als Mama und Papa, als der “sichere Hafen”.

Ebenso wenig wie die heimischen vier Wände, sollte auch Schule kein Ort der Leistung sein. Schule sollte (wieder) zu einem Lebensort werden, indem Lernen durch Neugierde gesteuert wird, nicht durch Druck und Leistungsorientierung.  Druck und die damit einhergehende Angst ist ein falscher Nährboden für Lernerfolg. Im Gegenteil: Angst blockert unser Gehirn und löst Reflexe wie Fluchtverhalten aus. Positive Emotionen, Neugierde, Interesse, Projektgruppen und Gelegenheiten Lerninhalte mit allen Sinnen zu erfassen hingegen sind es, die nachhaltig im Gehirn verankert bleiben. Wir sollten uns also überlegen, wie eine Schule ohne Leistungsdruck – also ohne Noten und Fächer – aussehen würde und uns ausmalen, wie schwerelos die Freizeit in so mancher Familie dadurch gestaltet werden kann.

LERNEN – Die Entdeckung des Selbstverständlichen

Eines der grundlegenden Dinge, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen wenn wir ein besseres Schul- und Bildungssystem entwickeln wollen, ist das menschliche Gehirn. Denn das ist der Ort, in dem gelernt wird. Je mehr wir also über das Gehirn wissen, desto besser können wir Fragen beantworten wie: Warum lernen wir manches scheinbar im Schlaf und anderes nur mit großer Mühe? Wieso erinnern wir uns sehr lange an Dinge, die wir nur einmal gehört oder erlebt haben und andere Dinge vergessen wir innerhalb von Sekunden? Wenn wir diese Fragen ersteinmal beantwortet haben, können wir vielleicht ein Bildungssystem schaffen, dass es unseren Kindern ermöglicht möglichst viel, mit wenig Aufwand aber hoher Motivation und Freude zu lernen.

Zwar lässt sich kein Schulsystem allein auf der Neurobiologie aufbauen, aber ein Verständnis für die Grundlagen werden uns helfen nicht ganz so viele Fehler zu machen. Denn genau wie die Medizin sich anderen Wissenschaften (wie bspw. Biochemie, Physiologie, Physik und Informatik) bedient,  sollte ein Lehrer ein Grundverständnis für das Gehirn haben um Lerninhalte über den bestmöglichen Weg zu vermitteln.

Manfred Spitzer studierte Medizin, Psychologie und Philosopie und ist nun Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm. Dort leitet er die Universitätsklinik für Psychiatrie und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL). Sein folgender Vortrag soll einen Einblick in die Funktionsweise unserer “Lernmaschine” geben (für weitergehende Informationen, siehe Literatur):