Archiv für den Monat: April 2013

Ein Kind ist aus hundert gemacht

Ein Kind ist aus hundert gemacht.
Ein Kind hat
hundert Sprachen
hundert Hände
hundert Gedanken
hundert Weisen zu denken
zu Spielen und zu sprechen.
Immer hundert Weisen
zuzuhören
zu staunen und zu lieben
hundert Weisen zu singen und zu verstehen
hundert Welten
zu entdecken
hundert Welten
zu träumen.
Ein Kind hat hundert Sprachen
doch es werden ihm neunundneunzig geraubt.
Die Schule und die Umwelt trennen ihm den Kopf vom Körper.
Sie bringen ihm bei
ohne Hände zu denken
ohne Kopf zu handeln
ohne Vergnügen zu verstehen
ohne sprechen zuzuhören
nur Ostern und Weihnachten zu lieben und zu staunen.
Sie sagen ihm, dass die Welt bereits entdeckt ist
und von hundert Sprachen rauben sie dem Kind neunundneunzig.
Sie sagen ihm
dass das Spielen und die Arbeit
die Wirklichkeit und die Phantasie
die Wissenschaft und die Vorstellungskraft
der Himmel und die Erde
die Vernunft und der Traum
Dinge sind, die nicht zusammengehören.
Sie sagen also, dass es die hundert Sprachen nicht gibt.
Das Kind sagt: “Aber es gibt sie doch.”

Loris Malaguzzi
(übersetzt von Annette Dreier)

Eltern und Schüler

Heutzutage streben vier von fünf Eltern das Abitur für ihr Kind an. Abgehsehen von G8 und sonstigen gesellschaftlichen Erwartungen, erhöht sich der Druck auf die Kinder auch auf familiärer Ebene. Leistungsanforderungen und -nachweise, Gewinner und Verlierer i.S.v. sozialer Selektion, solche und ähnliche Begriffe fallen – schon bei unter 10-jährigen Kindern – im Zusammenhang mit Schule.

Die Schulstunden weiten sich, vor allem auf Gymnasien, bis zum Nachmittag aus. Zu Hause müssen dann noch Hausaufgaben erledigt werden und für die bevorstehende Prüfung gelernt werden. Dabei sitzen den Kinder oft die Eltern (bzw. Sorgeberechtigte) bis in die späten Abendstunden im Nacken. Freizeit und altersspezifische Interessen rücken in den Hintergrund, Druck und Leistungsanforderung im innerfamiliären Bereich steigen hingegen. Streitigkeiten und Verzweiflung rücken anstelle von Harmonie und Zeit füreinander.

Seit einigen Jahren ist Schule nicht mehr nur ein Ort für Lehrer und Kinder/Jugendliche, sondern wird immer mehr von Eltern mitgemischt. Im Grunde spricht auch nichts dagegen, wenn Eltern sich in der Schule engagieren, jedoch schießt es weit über das Ziel hinaus, wenn Eltern mit Lehrern und Schulleitern über die Notengebungen verhandeln und in einigen Fällen sogar rechtliche Schritten einleiten. So schlüpfen Eltern immer mehr in die Rolle eines Pädagogen und verlassen die ihnen zugeschriebene Rolle als Mama und Papa, als der “sichere Hafen”.

Ebenso wenig wie die heimischen vier Wände, sollte auch Schule kein Ort der Leistung sein. Schule sollte (wieder) zu einem Lebensort werden, indem Lernen durch Neugierde gesteuert wird, nicht durch Druck und Leistungsorientierung.  Druck und die damit einhergehende Angst ist ein falscher Nährboden für Lernerfolg. Im Gegenteil: Angst blockert unser Gehirn und löst Reflexe wie Fluchtverhalten aus. Positive Emotionen, Neugierde, Interesse, Projektgruppen und Gelegenheiten Lerninhalte mit allen Sinnen zu erfassen hingegen sind es, die nachhaltig im Gehirn verankert bleiben. Wir sollten uns also überlegen, wie eine Schule ohne Leistungsdruck – also ohne Noten und Fächer – aussehen würde und uns ausmalen, wie schwerelos die Freizeit in so mancher Familie dadurch gestaltet werden kann.