Archiv für den Monat: Juni 2013

Theorie nach George Herbert Mead – Sozialisation und Individuation sind zwei Seiten ein- und desselben Prozesses

Mead stellt Sozialisation und Individuation als einen sich bedingenden Prozess aus dem „I“, dem „me“ und dem „self“ dar.

 Das „I“ stellt dabei die persönliche, affektive Komponente der Persönlichkeit dar. Es ist meist spontan und in der Lage einen selbst zu überraschen. Das „me“ hingegen verkörpert die Vorstellung von dem Bild, das andere von mir haben, bzw. Rollen, die ich von anderen übernommen habe. Es ist also die von der Gesellschaft gespiegelte Seite der Persönlichkeit („looking glass self“). Das „I“ und das „me“ stehen in einem Dialog zueinander und beeinflussen sich wechselseitig. Durch dieses Wechselspiel entsteht die persönliche Identität, also das „self“.

Im Sozialisationsprozess, so Mead, gewinnt ein Kind seine Identität zuerst durch Rollenspiele („play“). Es spielt bspw. Mutter-Kind und fühlt sich einerseits in die Rolle der Mutter ein, andererseits bekommt es ein Gefühl für sich selbst, da es sich der Reaktion der Anderen – in dem Fall der Mutter – auf sein Verhalten vergewissert. Die Verallgemeinerung von Rollen („generalisierter Anderer“) lernt ein Kind später im „game“. Dies kann am anschaulichsten am Mannschaftssport gezeigt werden, bei dem das Kind, bzw. der Jugendliche sich in jeden einzelnen Spieler hineinversetzen und sein Handeln danach ausrichten muss. Aber auch durch den Kontakt zu verschiedenen Müttern, Lehrern oder einfacher gesagt, gesellschaftlichen Gruppen, lernt das Individuum seine und andere Haltungen kennen und organisieren. Diese Rollenübernahme lässt sich global ausweiten (i.S.v. Menschenrechten, Gesetze, etc.).

 Der Individuationsprozess eines Menschen – also der Weg auf dem der einzelne seine Identität ausbildet – steht also in einem engen Zusammenhang und in Wechselwirkung mit der Gesellschaft und der Kultur, in der dieser Mensch lebt. Individuation ist kein abgegrenzter und subjektiver Prozess sondern steht, verändert und bildet sich in der Interaktion mit Gesellschaftsmitgliedern.

 Individualität verkörpert sowohl das „I“, als auch den „generalisierten Anderen“, den der Mensch im Sozialisationsprozess zu einem Teil seiner selbst werden lässt und schließlich zu seiner Identität („self“) findet.

Quelle:
Vester, Heinz-Günter: Kompendium der Soziologie I: Grundbegriffe, 1. Auflage, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009

Individualisierung als Folge der Arbeitsteilung

Die moderne Gesellschaft ist geprägt von einer fortgeschrittenen Arbeitsteilung. Wärend in Jäger- und Sammlergesellschaften und später in den Acker- und Viehzuchtgesellschaften nur wenig von einander getrennte Funktionen bearbeitet werden (mussten), werden die Arbeitsschritte, aber auch Professionen der modernen Gesellschaft immer differenzierter. Das schlägt sich seit einigen Jahren auch in der Masse an neu geschaffenen Studiengängen und damit in der hohen Spezialisierung in einem Fachgebiet nieder.

So arbeitete ende des 19. Jahrhunderts meinst nur ein Lehrer an der Schule. Heute findet man hier neben Lehrern häufig auch, SekretärInnen, Sozialpädagogen, Krankenschwestern, SchulpsychologInnen, Reinigungskräfte und Köche. In anderen Organisationen sind noch weit mehr unterschiedliche Berufe in einem Bereich beschäftigt (z.B. Krankenhäuser). Als moderner Mensch bin ich also nicht mehr nur damit beschäftigt Nahrung zu beschaffen und mich zu reproduzieren (mit allem was dies nach sich zieht), sondern habe verschiedene Rollen, wie Lehrerin, Mitglied in einem Sportverein, Freundin, Mutter, Hausfrau, politisch engagierte in der Partei XY und so weiter. Nicht nur zur Beurteilung des Persönlichkeitsprofils eines Schülers sind Kenntnisse aus den verschiedenen Berufen – Lehrperson, Sozialpädagoge und Schulpsychologe – erforderlich, auch im Privatleben habe ich die möglichkeit mir meine Existenz nach Lust und Laune zusammen zu basteln.

Als Individuum bin ich also Schnittpunkt dieser verschiedenen Institutionen und Organisationen und Träger verschiedener Positionen und Rollen. Welchen Beruf ich ausübe, welche Beziehungen ich eingehe und welchen Gruppen ich angehöre, liegt – mehr oder weniger – in meiner Entscheidungsfreiheit. Diese unverwechselbaren Schnittpunkte, sind es, die uns aus soziologischer Sicht unsere Individualität geben.

Somit ist es wahrscheinlich garnicht notwendig unsere Kinder zu Individuen zu erziehen, denn das macht schon die moderne Gesellschaft automatisch. Viel eher ist es Aufgabe einer guten Schule, den Dschungel an Möglichkeiten zur Gestaltung und Erkennung der eigenen Individualität, tranzparenter zu machen und dadurch die Orientierungslosigkeit bei Seite zu räumen.

Individualisierung

Individualisierung – auf die Stärken eines Kindes eingehen und diese entfalten, sagt die Pädagogik, lebensweltorientiert arbeiten und individuelle Hilfe anbieten, sagt die Soziale Arbeit, die Seele ist einzigartig und unsterblich, sagt der christliche Glaube. Ich habe das Gefühl, dass das Individuum immer mehr angepriesen wird und nicht nur Reformpädagogen – wie Maria Montessorie, Rudolf Steiner, u.v.m. – auf Individualität setzten, sondern dieser Begriff praktisch in aller Munde ist. Aber was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn wir die Einmaligkeit unserer Kinder sowohl zu Hause als auch in der Schule Fördern. Werden aus ihnen dann Selbstbewuste Menschen die ihre Stärken besser einschätzen und einsetzen können, oder werden aus ihnen Egoisten die nicht damit umgehen können, wenn ihre Freiheit – aus welchen Gründen auch immer – eingeschränkt wird?

Mit der Industrialisierung kam für viele Menschen die Freiheit. Wir konnten uns von der Natur ablösen, errichteten immer mehr Ballungszentren der Produktivität (Städte), wurden dadurch Flexibel und Heimatlos. Bald  kehrten wir auch Religion, Tradition und Unmündigkeit den Rücken zu. Nicht zu unrecht feiern wir diese neugewonnenen Freiheiten. Was ist aber mit der Kehrseite der Medallie? Die gibt es ja bekanntlich immer. Die Kehrseite der Industrialisierung und Aufklärung ist uns bereits bekannt: Umweltzerstörung und Orientierungslosigkeit. Zwei Tatsachen, denen wir in einem besseren Bildungssystem und einer neuen Schule wieder entgegenwirken müssen. Wir müssen uns der Natur wieder annähren, Kindern vor Augen führen, wie wichtig Mülltrennung und – vermeidung in einer Wegwerfgesellschaft ist, ihnen klar machen woher Bananen kommen und wieviel Regenwald dafür zerstört wurde/wird und wieso dieser überhaupt so wichtig ist. Wir müssen ihnen Orientierung bieten in einer sich rasend verändernden Welt, teils ohne verlässlicher sozialer Einbettung, dafür mit einer Fülle an Angeboten – sei es im Konsum- oder Versicherungsbereich (ausfürliche Konzepte, die weitere Aspekte aufgreifen folgen). Aber was wird aus der Horde Individuen, die wir in Zukunft produzieren wollen? Diese Frage steht noch offen.

Marin Buber (1878-1965) kritisierte den modernen Menschen, der Heimatlos und voller Ängsten ist. Dieser orientierungslose Mensch versucht mit Hilfe von Wissenschaft, Technik und Institutionen seine Ängste zu bewältigen. Individualismus ist für ihn Ausdruck von Verzweiflung, die sich aus der Vereinsamung ergibt. Diese Entfremdung von der “Mitwelt” wird – in dem Namen Individualität verkleidet – gefeiert.

Es gibt viele unterschiedliche Meinungen darüber wo die Individualität entspringt und wo sie hinführt. Wie oben schon angedeutet, beschäftigen sich viele Wissenschaften mit diesem Phänomen, darunter auch die Soziologie.  Verschiedene Soziologen sehen Individualität als Verinselung in der Gesellschaft, als Folge von der Industialisierung, aber auch als Bereicherung um kullturelle und moralische Begrenzungen in Frage zu stellen. Eine eindeutige Antwort darauf, was aus unserer Gesellschaft wird, wenn wir voll und ganz auf Individualität setzen, wird es erst geben, wenn es soweit ist. Wir können aber schauen was aus den Individuuen geworden ist, die eine Montessori-Schule besucht haben. Oder aber wie Baldur von Schirach, der in einem Landerziehungsheim Unterrichtet wurde, zum Reichsjugendführer im Nationalsozialismus werden konnte.

Wieviel Individualität ist also förderlich für Entwicklung eines gesunden Selbstbewustseins und wann ist es nötig Grenzen zu ziehen?