Individualisierung

Individualisierung – auf die Stärken eines Kindes eingehen und diese entfalten, sagt die Pädagogik, lebensweltorientiert arbeiten und individuelle Hilfe anbieten, sagt die Soziale Arbeit, die Seele ist einzigartig und unsterblich, sagt der christliche Glaube. Ich habe das Gefühl, dass das Individuum immer mehr angepriesen wird und nicht nur Reformpädagogen – wie Maria Montessorie, Rudolf Steiner, u.v.m. – auf Individualität setzten, sondern dieser Begriff praktisch in aller Munde ist. Aber was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn wir die Einmaligkeit unserer Kinder sowohl zu Hause als auch in der Schule Fördern. Werden aus ihnen dann Selbstbewuste Menschen die ihre Stärken besser einschätzen und einsetzen können, oder werden aus ihnen Egoisten die nicht damit umgehen können, wenn ihre Freiheit – aus welchen Gründen auch immer – eingeschränkt wird?

Mit der Industrialisierung kam für viele Menschen die Freiheit. Wir konnten uns von der Natur ablösen, errichteten immer mehr Ballungszentren der Produktivität (Städte), wurden dadurch Flexibel und Heimatlos. Bald  kehrten wir auch Religion, Tradition und Unmündigkeit den Rücken zu. Nicht zu unrecht feiern wir diese neugewonnenen Freiheiten. Was ist aber mit der Kehrseite der Medallie? Die gibt es ja bekanntlich immer. Die Kehrseite der Industrialisierung und Aufklärung ist uns bereits bekannt: Umweltzerstörung und Orientierungslosigkeit. Zwei Tatsachen, denen wir in einem besseren Bildungssystem und einer neuen Schule wieder entgegenwirken müssen. Wir müssen uns der Natur wieder annähren, Kindern vor Augen führen, wie wichtig Mülltrennung und – vermeidung in einer Wegwerfgesellschaft ist, ihnen klar machen woher Bananen kommen und wieviel Regenwald dafür zerstört wurde/wird und wieso dieser überhaupt so wichtig ist. Wir müssen ihnen Orientierung bieten in einer sich rasend verändernden Welt, teils ohne verlässlicher sozialer Einbettung, dafür mit einer Fülle an Angeboten – sei es im Konsum- oder Versicherungsbereich (ausfürliche Konzepte, die weitere Aspekte aufgreifen folgen). Aber was wird aus der Horde Individuen, die wir in Zukunft produzieren wollen? Diese Frage steht noch offen.

Marin Buber (1878-1965) kritisierte den modernen Menschen, der Heimatlos und voller Ängsten ist. Dieser orientierungslose Mensch versucht mit Hilfe von Wissenschaft, Technik und Institutionen seine Ängste zu bewältigen. Individualismus ist für ihn Ausdruck von Verzweiflung, die sich aus der Vereinsamung ergibt. Diese Entfremdung von der “Mitwelt” wird – in dem Namen Individualität verkleidet – gefeiert.

Es gibt viele unterschiedliche Meinungen darüber wo die Individualität entspringt und wo sie hinführt. Wie oben schon angedeutet, beschäftigen sich viele Wissenschaften mit diesem Phänomen, darunter auch die Soziologie.  Verschiedene Soziologen sehen Individualität als Verinselung in der Gesellschaft, als Folge von der Industialisierung, aber auch als Bereicherung um kullturelle und moralische Begrenzungen in Frage zu stellen. Eine eindeutige Antwort darauf, was aus unserer Gesellschaft wird, wenn wir voll und ganz auf Individualität setzen, wird es erst geben, wenn es soweit ist. Wir können aber schauen was aus den Individuuen geworden ist, die eine Montessori-Schule besucht haben. Oder aber wie Baldur von Schirach, der in einem Landerziehungsheim Unterrichtet wurde, zum Reichsjugendführer im Nationalsozialismus werden konnte.

Wieviel Individualität ist also förderlich für Entwicklung eines gesunden Selbstbewustseins und wann ist es nötig Grenzen zu ziehen?